Sechs Inszenierungen für den Kinder- und Jugendtheaterpreis IKARUS 2020 nominiert

IKARUS Trophäe | Foto: Kay Herschelmann
IKARUS Trophäe | Foto: Kay Herschelmann

Die IKARUS Jury setzt damit ein Zeichen für die wichtige Rolle der Kinder- und Jugendtheater in Zeiten der Pandemie

Die IKARUS Jury hat für den IKARUS 2020  die folgenden sechs Inszenierungen der Berliner Kinder- und Jugendtheater nominiert:

  • Albirea | ATZE Musiktheater | 10+
  • Das hässliche Entlein | Zirkusmaria | 4+
  • Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin | Theater an der Parkaue | 7+
  • Maria Stuart | Theater an der Parkaue | 16+
  • Mitgefühl und ohne |FELD – Theater für junges Publikum | 6+
  • Safestay Hostel | Platypus Theater | 15+

Der Nominierungszeitraum, in dem Premieren der Berliner Kindertheater zwischen Mai des Vorjahres und Ende April der laufenden Theatersaison berücksichtigt werden, wurde aufgrund der Schließung der Theater im März verkürzt. Inszenierungen, deren Premieren nicht mehr stattfinden konnten, werden für den IKARUS 2021 berücksichtigt.

IKARUS Preis als Signal für die Bedeutung der Kinder- und Jugendtheater für die Aufarbeitung der Erlebnisse in der Corona Pandemie

Doris Weber-Seifert, Geschäftsführerin des JugendKulturService, sagte nach der Jurysitzung: „Mit den Nominierungen möchten wir  in diesen Zeiten, in denen Theater nur online zu Hause stattfinden kann, auf herausragende Inszenierungen der Berliner Kinder und Jugendtheater hinweisen und gleichzeitig ein Zeichen setzen für ihre Notwendigkeit für die kulturelle Bildung in Berlin. Die Jury ist besorgt, dass die Kinder und Jugendtheater aufgrund der notwendigen Abstandsregelungen und den möglichen Verzicht von Bildungseinrichtungen auf außerschulische Aktivitäten im nächsten Schuljahr bildungspolitisch an Bedeutung verlieren und wirtschaftlich in eine Schieflage geraten könnten, von der sie sich nur schwer erholen. Die kulturelle Bildung hat in den letzten Jahren einen besonderen Stellenwert erreicht und darf aufgrund anderer Prioritäten jetzt nicht zurückgestellt werden. Theater live zu erleben ist für Kinder und Jugendliche ein besonderes emotionales Erlebnis, gerade auch nach der langen Zeit, in denen sie auf Kontakte außer Haus verzichten mussten. Die Kinder und Jugendlichen brauchen einen Raum, der ihnen dabei hilft, ihre Emotionen auszuleben, Erlebnisse gemeinsam zu verarbeiten und wieder in den Alltag zurück zu finden. Ich hoffe daher inständig, dass alle Beteiligten gemeinsam Lösungen entwickeln werden, die Theatererlebnisse für Kinder und Jugendliche unter Wahrung der notwendigen Hygiene- und Abstandsregeln möglich machen.“

Die IKARUS-Verleihung 2020 ist für den 13. November im ATZE Musiktheater terminiert. Ob die Verleihung aufgrund der Vorgaben im Rahmen der Corona Pandemie wie geplant im bewährten Format stattfinden kann, wird im Sommer entschieden.


IKARUS 2020 - die Nominierungen


Albirea – Nur ein Kind kann die Welt retten| ATZE Musiktheater | 10+

 
 
Albirea | Foto: Jörg Metzner
Albirea | Foto: Jörg Metzner

Das Atze Musiktheater nimmt uns mit in eine mythische Welt, in der das Zerstörerische die Macht an sich gerissen hat. Nur ein reines Kind, das letzte seiner Art – Albirea - kann die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen.

Thomas Sutter (Buch und Regie) entführt die Zuschauenden in ein groß angelegtes Fantasy-Märchen, das den Kampf des Guten gegen das Böse furios abbildet: Kraftvoll gespielt, bildgewaltig in Szene gesetzt, musikalisch in den Bann ziehend, zeitlos aktuell und zutiefst bewegend.

Die einzelnen Fantasy-Welten werden durch Videoprojektionen und Schattenspiel (Marc Jungreithmeier) in Szene gesetzt und von der vielschichtigen Musik von Sinem Altan begleitet, life auf die Bühne gebracht durch ein kleines Kammerorchester.
„Albirea“ ist ein Theaterstück, das gerade die sogenannten „Lücke-Kinder“ mit seiner Ästhetik, Thematik und Gesamtinszenierung abholt und fesselt und dabei philosophisch humanistische Themen wie Empathie, Demokratie, Zusammenhalt und Ausgrenzung ohne erhobenen Zeigefinger ins Zentrum rückt.
So ist die „Quelle der Weisheit“, die Albirea findet, um die Welt wieder ins Gleichwicht zu bringen, schließlich so einfach, wie auch tief: „Das Wort des anderen wiegt soviel wie dein eigenes!“.

Dass das Berücksichtigen dieser Erkenntnis unsere Welt zu einer besseren machen würde, ist ein ebenso wahres wie konkretes Geschenk, das „Albirea“ seinen Zuschauern mit auf den Weg gibt, egal welcher Altersklasse, welchen Geschlechts oder Hintergrunds.

Das hässliche Entlein | Zirkusmaria | 4+

 
 
Das hässliche Entlein | Foto: Wil van Iersel
Das hässliche Entlein | Foto: Wil van Iersel

Performance für alle ab 4 Jahren

Das Kollektiv ZIRKUSMARIA nimmt das bekannte Märchen als Vorlage und führt uns behutsam mit philosophisch-lyrischem Ansatz in die Welt des Anders-, Alleinseins und der Ausgrenzung. Hoffnungsvoll, poetisch und voller Fantasie regen sie die Kleinen wie die Großen an, die vertrauten Dinge oder Wahrheiten zu hinterfragen, um zum Kern vorzudringen, den man, meist verborgen, erstmal nicht sieht.
Liebevoll gestaltete großformatige Flach- und Faltfiguren (Polina Soloveichik), die einem bunten Bilderbuch entsprungen sind, werden von den Schauspielerinnen (Wiebke Alphei und Julia Brettschneider) geschickt zum Leben erweckt. Ihre Dorftiere sind darüber hinaus mit nur wenigen Elementen spielerisch skizziert und doch sofort zu erkennen. Das Ausbrüten der Enteneier zieht sich endlos hin, vermittelt ein Gefühl für zeitliche Dimensionen und entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik. Eine Live-Musikerin (Frederike Hellmann) unterstützt das Geschehen, setzt wichtige Akzente und sorgt für eine unvergessliche Atmosphäre, voll stiller Bilder und poetischer Kraft.
Eine gelungene spielerische Performance – klar, präzise, ohne sich in den Details zu verlieren.
Ein stimmiges Theatererlebnis aus spannenden Erzähl- und Spielmomenten - ausgewogen zwischen Komik und Ernsthaftigkeit, das berührt und zum Nachdenken anregt!

Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin | Theater an der Parkaue | 7+

 
 
Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin | Foto: Christian Brachwitz
Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin | Foto: Christian Brachwitz

„Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ ist eine leise, eindringliche Geschichte. Kein Hollywoodtamtam, keine Schulhofsprüche, keine Pauken und Trompeten. Mit wundersamer Tiefe und immer einer Spur Humor ist es ein ganz pures Theatererlebnis, das vielleicht erst unbemerkt, aber dann mit voller Wucht unter die Haut geht.
Es erzählt die Heldenreise zwei aussortierter Spielzeuge, der fragilen Papiertänzerin (Hanni Lorenz) und dem Zinnsoldaten, bei dem das Zinn nur noch für ein Bein reichte (Friedrich Richter). Die Beiden verlieben sich auf den ersten Blick, und auf den zweiten Blick verlieren sie sich schon: während der klobige, einbeinige Krieger in die Kanalisation fällt, wird seine zarte Liebste in die Lüfte gewirbelt. Es beginnen zwei unterschiedliche Schicksalsreisen, die ebenso überraschend wieder zusammenfinden, wie sie sich trennen mussten.
Roland Schimmelpfennig ist eine kunstvolle Inszenierung seines eigenen Textes gelungen. Einfühlsam gespielt, fantasievoll ausgestattet, stimmungsvoll begleitet ist hier ein Gesamtkunstwerk entstanden, - so ernst wie Zinn und so leicht wie Papier.

Maria Stuart | Theater an der Parkaue | 16+

 
 
Maria Stuart | Foto: Christian Brachwitz
Maria Stuart | Foto: Christian Brachwitz

Das 16. Jahrhundert. Maria Stuart, Königin von Schottland, und Elisabeth I., Königin von England. Die Inszenierung konzentriert sich mit Tempo und Spielwitz auf die Konkurrenz der beiden Regentinnen im Machtkampf um den englischen Thron und arbeitet dabei pointiert sowohl die jeweilige Perspektive der beiden Frauen heraus als auch das um sie herum existierende Ränkespiel der weiteren Protagonisten, von dem auch sie nicht ganz frei sind.

Insbesondere die beiden Hauptdarstellerinnen (Kinga Schmidt und Caroline Erdmann) spielen die engagierten, aufgewühlten, selbstbewussten und machthungrigen Monarchinnen mit viel Verve und bringen das Thema ihrer Rivalitäten ganz nah ins Hier und Heute. Aber auch die anderen Darsteller umranken die beiden vorzüglich und zeigen, bei aller Dominanz der beiden Frauen, das komplexe System, das sich um sie herum spinnt.

Das Ganze auf einer Bühne, die viele strategische Spielflächen bietet und mit Kostümen, die mit Lust an die historischen Vorlagen erinnern, aber dennoch eine moderne Coolness ausstrahlen. Ein modernisierter Klassiker - “at its best“.

Mitgefühl und ohne | FELD – Theater für junges Publikum | 6+

 
 
Mitgefühl und ohne | Foto: Dieter Hartwig
Mitgefühl und ohne | Foto: Dieter Hartwig

Wie fühlst du dich? Was Franziska Henschel und die beteiligten Künstler aus einer einfachen Frage machen, ist eine Erlebniserfahrung, wie man sie selten im Theater macht. Gefühle jeglicher Couleur kommen auf die Bühne und werden mit allen Sinnen erfahrbar. Die Aufführung wurde von Anfang an für Menschen mit und ohne Gehör entwickelt. Alle Sprache wird gebärdengedolmetscht, die Musik wird in den Zuschauerbänken als Vibration spürbar. Doch ist dies mehr als reine Integration, es wird zu einem gemeinsamen Erlebnis, bei dem wir von- und miteinander neue Perspektiven auf uns und unsere Weltwahrnehmung gewinnen. Es geht um viel mehr als um Hören oder Nichthören, Gefühle werden beschrieben, musiziert, getanzt, performt, gemimt, gefühlt, gerochen … in ständigem Dialog mit den Zuschauern. Immersiv, interaktiv, generationsübergreifend, inklusiv und spartenübergreifend – diese Produktion steht für neues, ungewohntes (Kinder)Theater an einem jungen, experimentierfreudigen Haus!

Safestay Hostel | Platypus Theater | 15+

 
 
Safestay Hostel | Foto: Platypus Theater
Safestay Hostel | Foto: Platypus Theater

Was bedeutet es für eine demokratische  Gesellschaft, wenn populistische und nationalistische Gedanken mehr und mehr Macht erlangen? Im multikulturellen London ergreift ein autokratischer Politiker die Macht. Er setzt bereits immer restriktivere Gesetze durch, während die Protagonisten aus dem „Safestay Hostel “ noch  darüber diskutieren, ob und wie man protestieren sollte. Je weiter die Geschichte fortschreitet, um so mehr spüren wir, dass wir mittendrin sind – sowohl im Geschehen des Theaterstücks als auch in dessen Thematik, bezogen auf die reale Welt. Für Passivität bleibt uns Zuschauenden bald keine Zeit mehr: Während der Populist uns in flammender Direktansprache umwirbt, holen uns die Hostel-Bewohner bei Diskussionen interaktiv aus den Stühlen. Die Inszenierung gewinnt immer mehr an Fahrt und schnell wird es den Zuschauenden mulmig, denn wie hätten sie gehandelt? Hochaktuell und zielgruppengerecht wird hier vor Augen geführt, welche Folgen rechts-populistische Parolen haben können.

Links zum Thema

Download Spielplanheft IKARUS 2019 (PDF)

Download Programmheft IKARUS 2019 (PDF)

Informationen zur IKARUS-Spendenaktion

Der JugendKulturService dankt der Joachim und Anita Stapel Stiftung und dem Berliner Jugendclub e.V. für das Engagement beim IKARUS.

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